Martigny-Chamonix-Genève-Lausanne

Oder auch: VS-GE sans VD*

Ich habe mal wieder keine Ahnung, wie ich drauf kam. Die Frage nach dem warum stellt sich mir auch einfach nicht. Einfach losfahren. Der Plan: Nachtfahrt von Martigny (links unten am Rhôneknick im Wallis) via Chamonix und dann abwärts bis nach Genf, Verlängerung nach Lausanne. Ge(brouter)schätzte 200km, es waren am Ende 195km, Startzeit 21 Uhr und Ankunft 10:50 in Lausanne, es hat also alles geklappt

*sur voie de terre 🙂 und auch nicht via Evian

Billett ja, Veloreservation nicht immer in drei Sekunden.

Erstmal: wie komme ich nach Martigny? Via Lausanne oder Visp, d.h. ICN oder IC. Normalerweise kann ich für den ICN die nervige Veloreservation in der App lösen, das ging aber heute nicht. Wegen Bauarbeiten hat der dieses Wochenende eine andere Zugsnummer, wie ich über den Top-Twitter-Service der SBB @railservice sehr schnell gemeldet bekam:
https://twitter.com/gr6500/status/1002907107048468480. Da ich Zeit hatte, bin ich noch zum Schalter in Wil und wollte die den Zug reservieren lassen, ging auch nicht. Sie meinte, es wäre schon voll. Danach sah es mir bei späterer Einfahrt des ICN in Wil nicht aus (zweiteilig), aber egal. Ich bin dann eben via Winterthur/Visp gefahren. So ein IC ist ganz schön lang, wenn man vom Veloabteil durch fünf Zweitklass-Wagen und das Restaurant durch muss, um leere Erstklass-Wagen vorzufinden. Am Wochenende lohnt sich das Erstklass-GA schon noch mehr.

Nickerchen in der leeren 1. Klasse.

Im Lötschberg(-Tunnel) hab ich mich umgezogen und im Zug Richtung Martigny entsprechend noch die Linsen montiert. In Martigny war ich 2014 schon mal kurz und der Blick weit ins Wallis hinauf begleitete mich gestern ab dem Sonnenuntergang bis zur völligen Finsternis. Vorher gab es aber erstmal noch ein kalorienreiches Menü. Seit wann hat McD als Nicht-Cola-Getränke denn nur so kalorienreduzierte Gebräus? Muss ich mir jetzt meine eigene Tüte Rohrzucker noch mitbringen, wenn ich mal viele Kalorien brauche? Cola wollte ich nicht, also hab ich Ice Tea genommen. Dem Augenschein nach war ich jedenfalls der einzige der hineingehenden und herauskommenden Kunden, der die gekauften Kalorien in den nachfolgenden paar Stunden wirklich benötigen würde. Ich glaub, drum werden auch die Autos immer grösser, damit die Leute überhaupt reinpassen.

Kalorienreiche Verpflegung in Martigny

Los ging’s, fast ohne Vorwarnung: links ging es den Grossen St. Bernhard hinauf (für später vorgemerkt, der hatte noch Wintersperre), rechts bzw. geradeaus Richtung Chamonix/Frankreich.

Die Qual der Wahl – geradeaus dann.

Um Mitternacht wollte ich auf der ersten Passhöhe auf 1527m sein, etwa 1000 Höhenmeter Differenz zu Martigny. Das ging locker, der Verkehr wurde je später je weniger, das Tal hinter mir änderte sich von Abendsonne zu Dämmerung zu Nachtbeleuchtung und wenn nichts kam, konnte ich bequem wieder im Mondlicht hinaufkurbeln. Auf dem Forclaz auf 1527m war absolute Stille, ich konnte die Trinkflasche auffüllen und die Kühe bömmelten vor sich hin.

Es folgte eine rasante Abfahrt: 7% Gefälle ergeben etwa 60km/h.

14°C, viel kälter war es insgesamt nicht.

Am Zoll war ich um 00:30 Uhr. Niemand da, ich wollte mir auch nichts abstempeln lassen. Die Strassen wurden plötzlich und erwarteterweise um Grössenordnungen schlechter. Nach dem erneuten Anstieg gab es kurz vor der Passhöhe einen Scheiteltunnel, geteilt Strasse/Bahn, der war sehr interessant. Und natürlich war er für Velos gesperrt, zumindest laut Schild. Aber ich fahre ja Liegevelo. Der Tunnel war fast 100% flach, es war eine ganz merkwürdige Stimmung da drin, es tröpfelte vor sich hin so irgendwann um 01:30 Uhr und nach 1.6km war ich auch schon wieder draussen und hatte mir dank brouter-Routing (das durch den Tunnel führte!) tatsächlich 70 oder 80 Höhenmeter gespart.

Der Scheiteltunnel, links Fahrbahn, rechts Schienen.

Um 01:50 war ich in Chamonix und bin natürlich direkt durch die Fussgängerzone gefahren, es waren ja keine Leute da, nur ein paar schwankende Gestalten. Den Mont Blanc hab ich (wenn überhaupt, hätten auch Wolken sein können) nur schemenhaft später im Mondlicht gesehen.

Bei Les Houches hat mich das Routing auf eine vierspurige richtungsgetrennte Kraftfahrstrasse geschickt. Ich kam mir erst etwas komisch vor, aber als ich das Schild sah mit der Warnung vor starkem Gefälle über 9km, musste ich breit grinsen. Wo sonst kann man mal die Maschine relativ ungefährlich richtig ausfahren? Es hatte Platz, die Piste war perfekt und es war kein Verkehr um 02 Uhr in der Nacht. Im Nachhinein hab ich festgestellt, dass das Routing gar nicht anders ging, weil an der Stelle im Tal keine andere Fahrmöglichkeit besteht. Ich bin dann nur blöderweise an der nächsten Ausfahrt wieder runter, weil es mir doch komisch war. Ich hätte weiter rollen sollen.

Um 03 Uhr gab es laute Froschkonzerte zwischen Saint Martin und Luzier, in der Höhe ab und zu ein paar Blitze, aber kein Regen und auch sonst war das Wetter einwandfrei zum Fahren.

Um 04:20 Uhr stieg mir aus einer Boulangerie der Geruch nach frisch Gebackenem in die Nase. Aber die hatten noch nichts fertig. Irgendwo da hatte ich auch so eine Art Motivationstief, was ich aber nach Sonnenaufgang mit einem 15-minütigen Nickerchen auch wieder beheben konnte. Ich war wohl einfach müde.

Sonnenaufgang noch in Frankreich.

Um 06:30 überquerte ich den Zoll erneut und war somit wieder im Inland, kurz darauf dann in Genf, frühmorgens am Sonntag ist da gar nichts los, kaum Menschen und eine schöne Atmosphäre.

Genève, die Rhône als Abfluss des Lac Léman.

Zielgenau habe ich ein McDonald’s angesteuert, wo ich dann wieder für etwa 18 Fr. gespeist habe. Nach dieser 45-minütigen Pause fühlte ich mich bereit für die restlichen 70km bis Lausanne, laut Planung mit vielen Höhenmetern, aber die wurden bei intelligentem Routing (durch mich) schnell Makulatur. Kurz vor Abfahrt beim McD fragte mich noch ein Italiener auf Englisch, ob ich ihm beim WiFi-Zugang helfen könne. Er musste da seine Nummer eingeben, um ein SMS zu bekommen – ich hab ihm nur gesagt, dass er mal die 0039 (für Italien) und dann seine Nummer ohne führende Null dahinter schreiben sollte, das ging dann natürlich sofort.

Für die restliche Strecke bin ich auf der Nationalstrasse 1 geblieben, der Verkehr war dürftig, sie war teilweise sehr entspannt mit viel Platz ausgebaut und die Höhenmeter der offiziellen Veloroute konnte ich so auch vermeiden. Bei Rolle kam mir um 09:24 Uhr ein rotes Velomobil Typ tifig entgegen, das von einem Rennvelofahrer verfolgt wurde. Letzterer sah recht gestresst aus, wohingegen der Velomobilist fröhlich hupte und winkte, als er meiner gewahr wurde. Der See war auch rechts ab und zu zu sehen, das Wetter war perfekt zum Fahren, einfach nicht zu warm und nicht zu sonnig.

Der See, manchmal sichtbar. Baden wäre möglich gewesen.

2km vor dem Ziel Lausanne Gare konnte ich diesmal die Veloreservation in der App tätigen und war insgesamt 25min vor der Zugsabfahrt da, bin hinein in den Coop, hab mich verpflegt, dann im bereitstehenden Zug(s-WC) das Tenue komplett auf trocken/nichtmüffelnd gewechselt und mich frisch gemacht und mich dann warm angezogen, um im Business-Abteil zu schlafen.

Platz 151 war reserviert, 1. Klasse sowieso wieder leer.

In Zürich HB meinten doch echt ein paar Oberschlauklugscheisser, mich wecken zu müssen, weil wir ja in Zürich wären, das offensichtlich der Nabel der Welt sei und sie dachten, dass ich da also auch hinwolle. Pfeifen gibt’s. Ich hab später noch den Zugbegleiter gefragt, ob er meine Veloreservation auch auf dem SwissPass sähe (wenn ich sie schon in der App mit dem SwissPass-Login kaufe und sie ja Live-Daten über den eingescannten SwissPass bekommen!), aber soweit sind sie noch nicht. Er winkte nur lachend ab “kommt vielleicht auch irgendwann”.

Es fühlt sich jetzt mittags an wie schon spätabends, das muss wohl am Schlafmangel liegen.

195km, 11:50 Fahrzeit, 47Wh elektrische Energie produziert.
GPX-Track: Martigny-Chamonix-Genève-Lausanne

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