Fahrenergieverbrauch

Beim Fahren des Flyers krieg ich den Energieverbrauch natürlich nicht raus, aber indirekt übers Laden des Fahrakkus schon. Meine Mystrom-Switches lassen sich recht bequem über einen GET-Request abfragen, es wird ein JSON zurückgeliefert mit der aktuellen Leistung in Watt (die ich mir per jq raushole).

curl -s -X GET http://192.168.xxx.xxx/report | jq -r '.power'

Mit ein bisschen Shellskript drumherum kann man da zumindest ein nettes zeitlich gut aufgelöstes Logfile bauen, wenn man diese Abfrage z.B. alle zwei Sekunden macht.

2020-08-16 12:09:36 58.55129623413086
2020-08-16 12:09:38 58.616050720214844
2020-08-16 12:09:40 58.278106689453125
2020-08-16 12:09:42 58.20372772216797

Und wenn das Logfile bzw. der Ladeprozess fertig ist, kann man das alles in R reinkippen, um sich die Gesamtenergie berechnen zu lassen. Ich hab’s gleich in einem knitr-Report erledigt, inklusive Ladegrafik.

Leistung des Flyer-Ladegeräts

Da kommen jetzt 215Wh an Netzenergie raus, die ich fürs Laden verbraucht habe. Ladezeit >3h, eventuell könnte man beim Leistungspeak sogar schon den Stecker ziehen. Bei der heutigen Strecke sind das ziemlich genau 10Wh/km (vom Netz, vom Akku selbst sicher weniger). Mit dem Solarauto haben wir da auf der Langstrecke nicht wesentlich mehr gebraucht, aber meine 360 Höhenmeter von heute waren in Australien auch (linear gerechnet) auf 750km Strecke verteilt 🙂 Ich hatte heute 120kg Gesamtgewicht, das Solarauto hatte damals mit Fahrer etwa 225kg. Ich glaub, letzteres ist deutlich effizienter und hat keine langen Ladestopps. Muss wohl doch ein Velomobil elektrifizieren 😉

Rein kostenmässig sind es also etwa 30 Rp./100km für die Energie — oder 30 Fr. / 10’000km. Bei einem Kaufpreis von 1’100 Fr. (meins, mit Anbauten) bzw. >3kCHF für neue E-Bikes fällt also der Strom für normale* Fahrleistungen nicht ins Gewicht.

Und doch noch zusammengeklickt: die Motorunterstützung sollte bei meiner Konfiguration und einer 70er-Trittfrequenz bis etwa 35km/h reichen: http://ritzelrechner.de/?GR=RLSH&KB=41&RZ=15&UF=2075&TF=70&SL=2.5&UN=KMH&DV=speed

*normal: für Nicht-Velomobil-Definitionen von “normal”. Rein rechnerisch schafft man sowieso nur zwei Akkuzyklen am Tag (Entladen 2h, Laden 4h), damit kommt man vielleicht 2x30km weit, was bei sechs Tagen pro Woche etwa 18Mm im Jahr sind.

Akku-Testfahrt

Die weiteren für das Flyer bestellten Teile sind angebaut: Anhängerkupplung (Weber EH, bis 80kg), Tubus Cargo, 11er-Motorritzel, Pletscher-Hinterbauständer für KSA40. Die Schaltansteuerung der Rohloff musste noch eins weiter gedreht werden, und das linke Ausfallende ist jetzt voll. Eine der Schrauben für den alten Gepäckträger wurde natürlich beim Rausdrehen kopflos, aber der Rahmen hat ja noch mehr Anbauösen. Die oberen Streben vom Rahmen zum Träger sind auch aus Teilen des alten Trägers entstanden, weil die von Tubus mitgelieferten zu kurz waren.

Eine kurze Runde mit 15kg Anhängelast folgte heute. Der Motor hat als Eingabeparameter für seine Unterstützungsleistung das von mir per Pedal eingeleitete Drehmoment und die Drehzahl. Daraus resultiert dann irgendeine Endgeschwindigkeit, bis zu der noch unterstützt wird und ich bin grad zu faul, das auszurechnen. Es ist auch unwichtig, irgendwann ist man eh in Gang 14 und wenn man dann schneller tritt, wird halt nicht mehr unterstützt. In gewissen Situationen ist das wie ein Grenzsteuersatz von 100%: man gibt alles und noch mehr, aber man hat tempomässig nichts mehr davon, weil die Unterstützung abgestellt wird.

Die Testtour ging über knapp 22km und 360 Höhenmeter: https://ridewithgps.com/trips/54444259 und über steile Strecken, die ich sonst ungern fahre. Der Motor hat einen leichten Nachlauf, d.h. für Schalten am Berg muss ich nicht nur kurz “vom Gas” wie sonst rohloffüblich, sondern danach auch noch kurz warten, bis der Motor die Unterstützung einstellt. Man gewöhnt sich aber schnell dran.

Dass die Ergonomie im Oberkörper für längere Strecken schlecht ist, ist wohl eher ein Problem für üblicherweise-Liegevelofahrer. Am östlichsten Punkt des oben verlinkten Tracks muss ich für die Spitzkehre normalerweise von >>60km/h runterbremsen und das ist dann noch nicht mal die ungebremste Endgeschwindigkeit. Mit der heutigen Fuhre hatte ich die Endgeschwindigkeit von etwa 45km/h schon weit vorher erreicht. Luftwiderstand und 4x Rollwiderstand, das macht halt viel aus. Auch an der schnellsten Stelle (Gärtensberg abwärts Richtung Rossrüti) hatte ich schon eine Endgeschwindigkeit von etwa 55 erreicht, wo sonst erst bei 75km/h Schluss ist und auch die Belagqualität nicht mehr zulässt.

Nach ein paar weiteren Höhenmetern (Nieselberg in Wil) war der Akku dann auf 20% leergefahren. Ich schätze, 600 normale Pass-Höhenmeter (ohne weitere Strecken dazwischen) sollten drin sein. Das reicht nicht, aber war auch nie die Idee 🙂

Elektrische Kaffeemühle

Nötig wäre ein E-Bike natürlich nicht gewesen. Aber wenn man im tutti.ch ein schwarzes Flyer S (Modellreihe-Baujahr 2010-2013) sieht, mit schwarzem Kaffeemühlenantrieb hinten, für 900 Fr.? Eigentlich war ich zu dem Zeitpunkt, als mich der Verkäufer direkt angerufen hat, grad in Herzogenbuchsee auf dem Weg zu einem Flyer L (für 1160 Fr., ähnliche Ausstattung). Aber das in Birsfelden sah doch besser aus, also habe ich kehrtgemacht und bin nach Norden gefahren. Probefahrt, es sah erstmal alles gut aus, Motor-Unterstützung war da. Die kannte ich schon von den Stromer-E-Bike-Tests für smide in Zürich. Also hab ich zugeschlagen, falls ich mal wieder von Rossrüti an den Bahnhof Wil pendeln muss. Dafür ist mir das Patria zu schade, um es am Bahnhof stehenzulassen 🙂

Ziemlich massiv, die ganze Fuhre.

Auf dem Weg von Birsfelden zum Bahnhof SBB ist erstmal die Kette gerissen. Kein Problem, ich hatte ja Werkzeug dabei. Bei der Probefahrt hatte ich schon gesehen, dass der Verkäufer reichlich WD40 aufgetragen hatte, damit das alles halbwegs geputzt aussah. Aber ich weiss ja, wie ein in WD40 aufgelöster Rostfilm an der Kette etwa aussieht. Der Verkäufer hatte einfach irgendwelche Kettenstücke zusammengenietet, die nicht gepasst haben. Und wenn da dann die Unterstützung ordentlich Zug macht, rupft es eben die Kette auseinander.

Das Verfrachten in den Zug war etwas schwerer als sonst, wenn man das E-Bike mit den 27kg in einem EWIV senkrecht aufhängen muss. Geht aber, die fetten Reifen sind eher störend als das Gewicht.

Die Kette hab ich gleich durch eine neue Connex 7R8 ersetzt und dazu (*würg ächz*) das Rohloff-Schraubritzel gewendet. Auf der Motorachse steckt ein 12er-Ritzel — das ist nicht original und sorgt u.U. dafür, dass die Motor-Unterstützung bis deutlich mehr als 25km/h funktioniert. Normalerweise sollte da wohl ein 8er oder 9er Ritzel drauf sein.

Schon mit neuer Kette. So sauber wird es nie wieder sein.

Die Geschwindigkeitsanzeige im Display am Lenker hat nicht funktioniert. Das Prinzip ist dasselbe wie beim normalen Fahrradcomputer: Magnet an der Speiche und Reed-Kontakt an der Gabel. Nachdem ich die Kontakte am Display mal geputzt hatte, ging die Tempoanzeige auch wieder.

Die Schiebehilfe ist gleich beim Anfassen auseinandergefallen. Damit kann man auf Knopfdruck bis Schrittgeschwindigkeit Unterstützung anfordern, sozusagen ein tempolimitierter Gasgriff. Da drin ist ein Poti mit mechanisch sehr empfindlichen Kontakten, was aber sowieso nur an/aus macht. Abhilfe ist bestellt — drei Widerstände (vorhanden) und ein Taster statt ein Drehhebel.

Ein schön radiusgrosser Rohloffzugbogen. Vorher war der Radius <10cm (unten übers Tretlager geführt).

Und was ich auch sofort geändert habe und was die OEMs wirklich nicht zu kapieren scheinen: enge Bögen bei den Rohloff-Zügen machen die Schaltung extrem schwergängig. Ist mir doch wurscht, ob das ästhetisch besser aussieht, wenn man das durch den Rahmen zieht. Es ist ergonomisch dumm. Auf den Fotos ist das schon neu verlegt. Ein Seilzug wurde auch gleich noch erneuert.

Der Lenker ist neu auch schon breitenreduziert. Komisch, auf was für verschwenderische Ideen die Leute kommen, wenn Energie im Überfluss vorhanden scheint. Wieso sollte ich denn mit einem Buslenker fahren wollen? Schmalere Pneus statt die jetzige Panzerbereifung wären auch noch eine Option.

Lenker schon gekürzt.

Weitere Anbauteile/Veränderungen sind bestellt: neuer Gepäckträger (Tubus statt so drahtdünnes Geraffel wie jetzt), neuer Hinterbauständer plus passende Anhängerkupplung für Schwerlasteinkäufe 🙂

Und ja: es funktioniert wie gewünscht und bügelt die Umgebung flach. Jetzt noch den unterzeichneten Kaufvertrag abwarten und dann die Rohloff auf mich registrieren. Bei dem Preis gab’s natürlich keine Dokumente dazu. Im dümmsten Fall habe ich dann halt keine Reparaturmöglichkeit. Wie gut der Akku ist, sehe ich auch noch.

Hauskauf eingetütet

Mein Suchauftrag für eine Kaufimmobilie bei immoscout24 läuft seit Juni 2019. Zwei Wohnungen hatte ich seither genauer angeschaut: eine auf dem Nieselberg (viel zu weit weg, keine Nah-Infrastruktur, obendrein auch keine Aussicht auf Berge), eine an der Tonhallestrasse (bei dem Autolärm dort ist der ganze Umkreis keine Option).

Am 03.07. war ich der erste, der dieses Haus in Rossrüti angeschaut hat:

08.07. Erster Termin bei der SGKB für die Finanzierung, es resultierte eine unverbindliche Offerte; die Schätzung des Objektwerts hat noch gefehlt, damit der Belehnungswert für die Hypothek passt.

13.07. Zusage der SGKB, dass der Belehnungswert passend (=hoch genug) eingeschätzt wurde.

14.07. Zweiter Termin bei der SGKB: Hypo-Zinssätze 0.75% und 0.95% fixiert, nachmittags kam die mündliche Zusage seitens der Immobilienverwaltung, dass ich das Haus haben kann.

15.07. Finanzierungsfragen, Rücknahme der Fonds (Säule 3a) bei der Raiffeisen beantragt

16.07. Übertrag des Barwertes der Fonds von Raiffeisen -> SGKB (Eigenkapitalanforderungen erfüllt)

22.07. Reservationsvertrag unterzeichnet

03.08. Kaufvertragsentwurf seitens Grundbuchamt, Zahlungsversprechen der SGKB liegt vor

Hierbei auch bürokratisch-witzig: im ersten Entwurf des Kaufvertrags war ich noch als verheiratet aufgeführt. Das Einwohneramt hat da keine Korrektur vorgenommen, obwohl ich sicher war, das gemeldet zu haben. Laut Einwohneramt bezieht aber das Steueramt seine Personenstandsdaten wiederum aus diesen zentralen Daten — spätestens da sollte dem Steueramt eigentlich aufgefallen sein, dass ich in meiner Steuererklärung immer als ledig/geschieden auftrete. Immerhin konnte ich das innert fünf Minuten (inklusive Gang zum Rathaus) korrigieren und der Kaufvertragsentwurf war auch sehr schnell amtsseitig korrigiert. Trotzdem soll ich beim Grundbuchamt noch meine Niederlassungsbewilligung zur Unterzeichnung vorlegen, obwohl ja im Personenstandsregister drinsteht, dass ich eine habe und ich damit grad am Schalter war. Jänu; lieber so als wenn’s Chaos gibt oder gar kein Kataster da ist.

05.08. Unterzeichnung Hypothekarvertrag SGKB

Besitzantritt 01. November, bis dahin kommen noch ein paar Schritte.

Gründe für den Hauskauf gibt es genügend, hier die wichtigsten:

  1. Kaufen ist viel günstiger als Mieten.
  2. Wenn 1. gilt, muss noch die Amortisation möglichst steuergünstig sein –> Säule 3a bzw. 2. Säule
  3. es macht keinen sehr grossen Unterschied, ob ich am Ende die Hypothek komplett amortisiere oder ob ich sie behalte und ewig Zinsen zahle
  4. (fast) niemanden fragen müssen, wenn ich was umbauen möchte

Über steuerliche und gesetzliche Begriffe habe ich viel gelernt, aber mich auch sowieso schon lange dafür interessiert: Amortisation (=Tilgung), Eigenmietwert, Schuldzinsabzug, Grenzsteuersatz, Steuerabzüge für Einzahlungen in die Vorsorge (2/3a), Kapitalleistungsteuer, Vermögensteuer, Grundsteuer, Handänderungssteuer etc. (letzteres ist keine Steuer auf eine chirurgische Massnahme). Das Wissen hätte ich mir in Deutschland aber auch alles erst aneignen müssen, man kauft ja nicht ständig ein Haus.

Das Ganze löst auch grundsätzliche Überlegungen bis zur (und bis nach der) Pensionierung — will ich am Ende alles Kapital in der Pensionskasse und dann eine entsprechend höhere Rente haben? Oder einen Teil des Vermögens im Haus und dann dafür zum grossen Teil mietfrei (Eigenmietwert, Renovationen etc.) wohnen?

Es ist jedenfalls rein finanziell ein äusserst interessantes Optimierungsproblem mit vielen Einflussgrössen.

Der Weg zum Bahnhof (falls nötig und ich nicht sowieso von daheim arbeite): schnell oder verkehrsarm (inklusive von mir vor ein paar Wochen eingetragener neuer Veloverbindung “Breitenlooweg”).

#SDS2020 — behind the scenes

Meine vierte Swiss-Data-Science-Konferenz ist vorbei, zuerst war ich 2017 dabei, letztes Jahr im Sommer im Kursaal in Bern auch schon hinter den Kulissen. Ich hatte sogar schon vergessen, dass damals 2017 David Kriesel dabei war, der ja beim 36C3 (Ende 2019, kein Blogbeitrag) seinen genauso unterhaltsamen Vortrag zum Thema BahnMining hatte.

Aufgrund der Umstände wurde Ende April schon entschieden, die SDS2020 statt im KKL Luzern prinzipiell online stattfinden zu lassen. Damit das aber in einem professionellen Rahmen geschieht, wurden professionelle Audio-/Video-/Übertragungsstudios von habegger.ch gemietet und genutzt. Insgesamt: es war klasse, hat im Wesentlichen total reibungslos funktioniert und war genauso unterhaltsam wie eine Vor-Ort-Konferenz. Die Teilnehmerzahlen waren mit >400 auch im ähnlichen Rahmen wie sonst.

Technisches:

  • die Speaker, die vor Ort im Studio (in Regensdorf ZH) waren, wurden dort ganz normal gefilmt, und die professionell aufbereitete Videokombination (Folien plus Kamera) wurde per Livestream an die Teilnehmer geschickt.
  • die Speaker, die aus der Ferne zugeschaltet waren, wurden per MS Teams hinzugeholt. Das Videobild plus die Folien wurden wiederum abgemischt und im Livestream versendet.
  • es gab drei parallele Livestreams (=drei Sessions); eine aus dem ganz grossen Studio 1 und zwei aus kleineren Studios, die ungefähr 20qm hatten und genauso voll mit Technik waren
  • Jede der Sessions wurde von mindestens zwei Technikern betreut plus einem Moderator und einem Talque-Beobachter für den Live-Chat mit Fragen zum Vortrag (das war meine Rolle)
  • Für die normalen Konferenzteilnehmer lief alles über die talque-Plattform (Videos/Streams, Chat/Fragen zum Vortrag, Matchmaking aller Teilnehmer aufgrund von Interessen, private Chats, Online-Postersessions etc.)

Impressionen Aufbautag 25.06.

Im Studio 1 hatten wir einen professionellen Moderator mit Fernseherfahrung, das war deutlich zu merken. Ganz ungezwungen und als ob er das jeden Tag machen würde, stand er vor der Kamera und hätte mit Standup-Comedy auch locker einen Speaker-Ausfall überbrücken können. Er hat in der Probe schon folgendes gesagt:

[…] you may know me from TV… or from Tinder, I’m quite active there as well […]

Das kam dann auch in der Live-Anmoderation am Freitag so 🙂 Leider konnte ich seinen Text nicht immer verfolgen, ich war ja für Stream 3 zuständig.

Impressionen Konferenztag 26.06.

Die Techniker von der Bildregie sassen draussen in ihrem Ü-Wagen, es lief aber nichts über Satellit/Funk, sondern alles über eine normale 1GBit/s-symmetrische Leitung (wie ich sie auch daheim habe). Parallel dazu habe ich noch Twitter bespielt unter #SDS2020.

Zum Glück war das Wetter nicht ganz so heiss wie erwartet, es war sowieso schon viel zu warm in den Räumen aufgrund der vielen Technik.

Einen Mobiliar-Beitrag gab’s auch, Chefchef nicht in Rot wie ich.

Die Konferenz war perfekt durchorganisiert, der Vorbereitungsaufwand von Gundula und Team war enorm. Ich hab ja schon öfter mal Sessions an einer Konferenz moderiert, aber da musste ich mir die Fragen selbst ausdenken — das war hier hingegen alles schon vorbereitet, nur die Live-Fragen aus dem Chat musste ich (leserlich+handschriftlich) auf Moderationskarten notieren und Cristina reinreichen. Dort, wo viele Menschen unterwegs waren, wurden Masken getragen, in anderen ungefährdeten Bereichen nicht.

Chamonna Lischana

Letzte Woche nach der Chamonna Tuoi kam gestern und heute die Chamonna Lischana dran, oberhalb von Scuol. Vom Wasserabfüllort hätte ich die Hütte direkt sehen können, wenn ich hinaufgeschaut hätte (siehe allerletztes Foto unten). Laut Hüttenreservationssystem war ich allein eingebucht, es waren noch 23 von 24 Plätzen frei.

Die grosse Innbrücke, die zum TCS-Campingplatz führt, ist momentan wegen Bauarbeiten gesperrt, also bin ich wieder durchs Unterdorf gelaufen, um über die Holzbrücke auf die andere Flussseite zu kommen. Da war ich u.a. 2014 und 2018 mal unterwegs, ganz zu schweigen von den letzten paar Wochen und diversen Bahnhofsfototouren.

Ab der Innüberquerung ging es streng monoton steigend weiter bis zur Hütte, durch Blumenwiesen, mit Bienen, Pferden, allen möglichen Insekten…

…und viel Wasser.

Nach knapp drei gemütlichen Aufstiegsstunden für insgesamt 1300 Höhenmeter (die Vegetation wurde immer weniger, Murmeltiere alle schlafend/versteckt) sah ich plötzlich die Hütte.

Ein Tagesgast kam noch für einen Kaffee rauf, ansonsten waren nur die zwei Hüttenbetreuuer dort, die auch permanent da wohnen. Die Lischanahütte hat deutlich weniger Wasser als die Tuoi. Ich hab’s mir mit einem Apfelstrudel und einem Cappuccino bequem gemacht, währenddessen der sehr sympathische und genau richtig dimensionierte Hüttenhund Jayjay vorne auf dem “höchsten Balkon von Scuol” (Werbespruch) hin und her spazierte.

Mir wurde Zimmer 2 zugewiesen, von der Aufteilung her ist das noch stärker fragmentiert als auf der Tuoi. Derzeit werden nur 24 von 49 Bettplätzen belegt.

Znacht gab es genau wie “drüben” auch um 18:30 Uhr. Vier Gänge; und diesmal hab ich eine weitere Portion Pasta abgelehnt. Selber schuld, wenn sie mir vorher sagen, dass es Aprikosenknödel zum Dessert gibt. Die Betreuung war diesmal weniger herzlich, eher professionell gastfreundlich — was weder für die eine noch die andere Hütte irgendwie abwertend gemeint ist. Ich hab hier allein gegessen, nebenbei das Hüttenbuch durchgeblättert, was gelesen und genau dafür war ich ja hergekommen. Spannend ist es, im Hüttenbuch nur die Nachnamen der Leute zu lesen (>85% CH) und dann zu raten, wo sie in der Schweiz herkommen — unmittelbar nachprüfbar.

Den Sonnenuntergang hab ich noch angeschaut, im Tal war es schon lange dunkel, währenddessen wir noch bis ganz spät strahlende Sonne hatten. Die Solarpanels auf dem WC-Haus-Dach hatten davon aber nichts, die waren nach Süden ausgerichtet. Nachdem ich den Fensterladen noch festgeklemmt hatte, dass er nicht im Wind klappern konnte, war Ruhe und Nachtruhe.

Ab etwa 05:00 Uhr wurde es dämmerig/hell, es dauerte aber noch bis etwa 08:30 Uhr, bis die Sonne in der Nähe der Hütte ankam. Sehr angenehme Temperaturen, wenn ich nicht grad im Wind stand.

07 Uhr gab es Zmorge. Birchermüesli mit Rüebli drin ist auch interessant. Wo meine periodisch kurz stechenden Kopfschmerzen herkamen, war und ist mir noch unklar. Vielleicht bin ich doch höhenempfindlich, die Hütte liegt bei 2500m. Die Geräusche des morgens sich erwärmenden und abplatzenden Gerölls waren spannend.

Nach dem Frühstück hab ich weiter in Alex Capus “Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer” gelesen. Interessant, wenn die Handlungsorte u.a. Bottighofen TG und Stanford sowie Palo Alto enthalten und es in der Zeit etwa von 1925-1940 spielt. Stanford scheint damals genauso ausgesehen zu haben wie jetzt (Bottighofen wohl eh). Noch ein lustiges Zitat aus diesem Buch:

[…] Im Süden thront mächtig weiß und unverrückbar der Mont Blanc, Europas höchster Berg. Endlich mal etwas Großes in diesem Land, denkt Gilliéron, wobei ihm bekannt ist, dass der Mont Blanc genaugenommen in Frankreich steht, während die Schweiz sich mit dessen Anblick begnügt. Volkswirtschaftlich ist das eine kluge Entscheidung. Aus der Ferne ist so ein Berg schön anzusehen, die touristische Vermarktung des Postkartenidylls bringt gutes Geld. Aus der Nähe betrachtet hingegen ist er nur eine gefährliche und kostspielige Geröllhalde. […]

Gemütlich bin ich gegen 09:15 Uhr Richtung Abstieg gegangen und habe doch noch zahllose Murmeltiere gesehen, die plötzlich überall herumlagen und herumhuschten, sogar direkt auf dem Weg. Morgens hatten sie ja schon ein Pfeifkonzert veranstaltet.

Insgesamt kamen mir zehn aufsteigende Personen entgegen, ich hab zwischendurch noch einen Bachübergang aus Steinen gebaut und es war bedeutend wärmer, als ich unten angekommen war. Der Zug fuhr um 13:41 Uhr, vorher gab’s noch Kaffee, gemütliches Umziehen und dann lockere 3.5h Heimfahrt mit spannenden Podcasts. Das erste und letzte Beitragsbild sind direkt vor F.s Elternhaus in Scuol entstanden, mit ihr hatte ich auch noch ein paar Texte ausgetauscht. Und prompt läuft sie mir beim Umsteigen in Landquart über den Weg 🙂

Chamonna Tuoi

Letzte Woche war ich auf der Wanderroute von Ardez bis nach Guarda auf den Geschmack gekommen, da in der Region wandern zu gehen. Die SAC-Hütte Chamonna Tuoi kann man ganz einfach online reservieren und sieht dann auch gleich, wie die Auslastung ist. Nach meinem Prinzip, möglichst antiyzyklisch zu verreisen, hab ich am Mittwoch für Donnerstagabend reserviert, mit Halbpension. Die Auslastung lag da bei 2 belegten von 40 gesamt verfügbaren Plätzen. Eigentlich hat die Hütte ja 74 Plätze, aber einerseits haben sie wegen Abstandsregeln das Fassungsvolumen reduziert und andererseits liegt die durchschnittliche Auslastung sowieso nur bei 13 Personen, das dazu noch bei sieben Zimmern/Lagern.

Los ging’s am Donnerstag nach einem 08-Uhr-Skypemeeting mit dem Zug um 08:56, via Landquart nach Guarda. Auf dem Weg hab ich noch einige Startups beim Kickstart-Accelerator-Programm bewertet. Da sind echt so einige wüste Kapitalismus-Auswüchse dabei, die aus der Nicht-Problemlösung noch ein Geschäft machen. Aber es gibt auch interessante Ideen dabei, sowas wie Indoor-Farming (nicht für Drogen, wobei es das da schon viel länger gibt) oder virtuelle Energiemärkte.

Im IR13 wurde dann sowohl auf der Hinfahrt als auch auf der Rückfahrt einen Tag später eine Datenerhebung zu Start und Ziel meiner Reise durchgeführt. Meine Antwort “Wil-Guarda” und “Guarda-Wil”. Jetzt hoffe ich, dass da zeitnah in Landquart eine Umspuranlage hinkommt, so dass ich nicht mehr umsteigen muss.

Die Wanderung startet steil, an saftigen und bunten Wiesen vorbei, später wird es flacher und die Landschaft hat nur noch Gras und Steine. Höhenmeter: von 1650 bis 2250m, also weniger als von Jakobsbad auf den Kronberg.

Weil ich im gemütlichen Tempo schon fix oben war und plötzlich ein Schild kam, das “40min bis Chamonna Tuoi” angab, bin ich stattdessen noch nach rechts zum Lai Blau abgebogen. Das gab nochmal gut 500 Höhenmeter extra, aber auf dem Weg dorthin verdunkelte sich der Himmel und es fing an zu hageln. Also Regenjacke angezogen und umgekehrt, auf den Weg zur Hütte. Vorher gab’s schon Murmeltiere und schöne Aussichten, solange es warm und sonnig war.

Auf dem Weg zur Hütte gab es noch Schneefelder, die aber in ein paar Wochen verschwunden sein sollten. Mit den Barfussschuhen waren das die einzigen Stellen, wo ich mich nicht ganz wohlgefühlt habe. Später hab ich auch noch erfahren, dass der Lai Blau sowieso noch zugefroren ist. Na gut, der liegt ja auch ein paar hundert Meter höher als der Lai Raduond von letzter Woche.

Durch den Umweg zum See hatte ich die Hütte erst am späteren Nachmittag erreicht, hab die anderen Anwesenden begrüsst. Hüttenwart C., Hüttenhilfe S., Heinz und Anneliese, B. aus dem Aargau (und ich). Wir waren also zu sechst dort. Das Merkwürdige ist, dass man sich einfach versteht, obwohl man sich gar nicht kennt. Vielleicht machen nur ähnlich tickende Leute solche Touren oder verirren sich in diese Gegend. Heinz und Anneliese waren jenseits des AHV-Alters, er hatte zum 70. von seinem Hüttenwart-Nachfolger ein paar Bergtouren geschenkt bekommen, also waren sie (natürlich, was sonst) die ganze Woche auf der Hütte und haben jeden Tag einen der 3000er in der Nähe bestiegen. Das konnte ich mir so beim Gespräch am Tisch nicht vorstellen, aber geglaubt habe ich das ohne Probleme. Heinz war auch irgendwann mal Schweizer Handballmeister.

B. hatte eine ähnliche kurze Auszeit unter der Woche genommen, weil da ja kaum jemand auf der Hütte ist, und war vermutlich eine Stunde vor mir auf fast derselben Route unterwegs, hatte sogar den gleichen Rucksack und fand auch die Schneefelder recht heikel.

Jedenfalls gab es Punkt 18:30 Uhr Pizzoccheri 😀 Da ich vorher zum Kaffee schon ein ordentliches Stück Nusstorte hatte, war mir später am Abend aufgrund der drei Portionen Pizzoccheri doch etwas unwohl. Aber das lag zumindest nicht an der Höhe wie bei B.

Mein Hut hat gleich mal draussen übernachtet, ist zum Glück nicht weggeflogen, war morgens aber natürlich pitschnass, weil es schon seit dem Abendessen geregnet hatte. Zum Essen gab es viele Hüttenstories, vom aktuellen Hüttenwart und eben auch vom vergangenen, auch über Abstürze an den Felswänden. Aber da hochklettern wollte ich ja eh nicht, der bequeme Wanderweg hat mir gereicht. Die Hütte hat ein eigenes Wasserkraftwerk — augenscheinlich ohne grossen Puffer, weil das Licht dunkler wurde, als der Geschirrspüler geheizt bzw. mal blockiert hat. Das soll aber auch noch neu werden (besserer Generator und andere Wasserfassung). Das Leitungswasser hatte jedenfalls Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt.

Für Kinder gibt’s Spiele: drin als Brettspiel, draussen einfach am Wasser, Staudämme bauen, oder Murmeltiere beobachten. Ab 21 Uhr war Nachtruhe, ich hatte noch von Alex Capus ein Buch angefangen. Die anderen haben zu mir rübergeschaut, als ich lachen musste bei folgendem Zitat: “[…] Es gibt verschiedene Doktoren, Marie. Es gibt Doktoren der Naturwissenschaften, die befassen sich mit ihrem Handwerk. Dann gibt es Doktoren der Jurisprudenz, die befassen sich mit ihresgleichen. Und dann gibt es Doctores der Philologie, die befassen sich mit blödem Gequatsche. […]”

Heinz und Anneliese sind um 04:15 zum nächsten Gipfel aufgebrochen. Für die anderen drei Anwesenden gab es um 07 Uhr Frühstück — Gipfel, Butter, Käse, Birchermüesli, Milch, Konfi, reicht eigentlich. Mit dem Kaffee könnte man nochmal schauen, eine Bialetti sollte sich doch machen lassen 🙂

Draussen waren 3°C, die Schneefallgrenze war an den Berghängen gut sichtbar (durch C. geschätzt auf 2500m). Ich hab noch bis 09 Uhr gelesen und bin dann irgendwann talwärts aufgebrochen. Den Lai Blau schaue ich im Sommer mal an. Irgendwann hatte das Handy auch mal wieder Empfang, es hat aber auch ordentlich geregnet. Mir kam noch ein weiterer Wanderer entgegen, der wegen der Blumenwiesen grad im Aufstieg begriffen war. Er hatte den gleichen Hut wie ich, war nur deutlich ausgeblichen (auch der Hut!). Meine Schuhe musste ich ihm auch gleich noch erklären. Fand er gut.

Um 11:37 fuhr ein Postauto ab Guarda cumün zum Bahnhof, das ich auch bequem erreicht habe. 15 Uhr wieder in Wil SG. Regen.

Hörenswert unterwegs: ein halbstündiges Interview mit Martin Meyer von 2014 (ehem. Feuilletonleiter NZZ), https://www.srf.ch/sendungen/kontext/40-jahre-feuilleton-martin-meyer-nzz Ich mag ihn ja, auch wenn er ein Dr. phil ist 🙂 Seine Moderation beim NZZ Podium ist immer wieder legendär: niveauvoll lustig, satirisch und mit intellektuell tiefen Seitenhieben. Letztes Jahr im Dezember war ich auch wieder im Schauspielhaus: https://podium-archiv.nzz.ch/event/freundschaft/ (vorher 2017 schon).

Ardez-Guarda (Wandertour)

Es sind immer noch Restferientage von 2019 vorhanden, die Tour war inspiriert durch https://naturesque.ch/portfolio/engadin-fruehsommer-in-den-bergen/ (und im Engadin ist es eh immer schön). Gemütliche Abfahrt 08:56, später bin ich mit unkritischer Verspätung 12:15 Uhr in Ardez aus der RhB ausgestiegen und gleich losgelaufen.

Aus Ardez war ich recht schnell draussen und dann ging es sofort nahtlos in die Steigung über, von etwa 1400m bis auf knapp 2500m. Am Anfang gab es noch ein paar E-Biker, weil dort auch die 65er- und die 6er-Veloroute entlangführen. Danach wurde es leer. Und bunt.

Steigungen bis 100%/45° sind zu Fuss ja kein Problem, und meine Barfussschuhe waren sehr angenehm den ganzen Tag über. Klar, man muss aufpassen, dass man nicht auf spitze Steine tritt, aber sonst sind die Bodenhaftung und das Laufgefühl super. Bei Schneefeldern merkt man sofort die Kälte. Ab und zu wurde es etwas windig, die Sonne zeigte sich gelegentlich (zumindest für Sonnenbrand auf dem Handrücken hat’s gereicht), die Vegetation wurde mit zunehmender Höhe spärlicher. Lawinenverbauungen gab es auch einige. Nach gut 3h war ich bei der Chamonna Cler — könnte man mal mieten, man muss halt alles selbst raufschleppen.

Murmeltiere waren überall. Ich hab mich im Windschatten hingesetzt und die waren irgendwann sehr zutraulich bzw. schienen fast gelangweilt. Jüngere/kleinere waren neugierig und scheu, ältere/fettere 🙂 möglicherweise schon Besucher gewohnt. Hinter einem grossen Stein konnte ich mich anschleichen und sobald ich aus ihrem Blickfeld war, musste ich nicht lange warten, bis sie neugierig um die Ecke schauten.

Nach der Hütte kam noch ein kurzer erneuter Aufstieg zum Lai Raduond, was sinnigerweise auf Vallader Runder See heisst. Sehr schöne Aussicht (generell), zum Baden ist der etwas zu flach, aber ich schätze, das Wasser hat Trinkwasserqualität. Mit weniger Wind und etwas weniger Wolken kann man da sicher noch bessere Fotos machen, aber die Menschenleere fand ich eh am besten.

Beim weiteren Abstieg hab ich mich auch mal kurz verlaufen und bin eine ganze Weile durchs dichte Unterholz gestiegen, während 20-50m rechts oberhalb neben mir der Weg gewesen wäre. Was tut man nicht alles, um Höhenmeter zu vermeiden 🙂 Am Ende habe ich den Weg aber tangential wieder erreicht und es ging nur noch weiter abwärts. In Guarda hab ich das Postauto zum Bahnhof knapp verpasst, war aber drum noch im Volg und hab mich für die nächsten vier Stunden Heimreise verpflegt. Der Abstieg von Guarda zum Bahnhof ist abenteuerlich steil, hat lockere 200 Höhenmeter. Einen Teil bin ich der flachen Strasse gefolgt, irgendwann dann mit dem Gedanken “hey, das ist kürzer” querfeldein gelaufen und dann doch dem steilen Wanderweg talwärts gefolgt. Dank des Übersteigens einiger Weidezäune wusste ich nicht mehr, ob ich drin oder draussen war, als mir auf dem schmalen Wanderpfad zwei Pferde und zwei Esel entgegenkamen.

Am Bahnhof umgezogen, das erste Radler plus Bündnerfleisch verzehrt und gegen 22 Uhr war ich wieder daheim. Bin lange nicht mehr in Wil vom Bahnhof heim gelaufen, fiel mir auf 🙂

Hier die Strecke: https://ridewithgps.com/trips/50623953

Chur-(Splügen)-(San-Bernardino)-Bellinzona

Nach den Nacht-Passfahrten über Furka und Oberalp und einer von Martigny nach Lausanne war irgendwie mal wieder eine fällig, zumal ich noch Ferientage vom Vorjahr abbauen muss. Nachts heisst automatisch: wenig bis null Verkehr, kein Sonnenschutz und kein Gehörschutz notwendig. Geplante Strecke: Chur-Bellinzona, je nach Stimmung vor Ort noch mit 2h und etwa 650hm extra zum Splügenpass, der momentan noch geschlossen ist, weil er die Schweiz und Italien verbindet. Hier die gefahrene Strecke: https://ridewithgps.com/trips/49690001

16:56 Uhr Abfahrt in Wil, 17:48 los in Chur, erstmal zum Burger King (McD kurz vorher hatte nur Takeaway ohne Sitzplatz), das grösste Menu bestellen, was sie da hatten. 19.20 Franken sind schon ordentlich bepreist, aber dafür hatte die Fanta auch 0.75l. Anderthalb Stunden später hatte ich wieder Hunger. Es ging flach los, erstmal einrollen auf einer Strecke, die ich sonst nur vom Zug kannte. 1000hm in Andeer, in Splügen bei 1479m.

Es wurde dunkler, die Tunnels und Strassen immer leerer, 22:30 etwa in Andeer, Mitternacht ungefähr in Splügen. Meine Marschtabelle hatte als Ziel den ersten Zug durch den GBT Richtung Norden um 06:02 in Bellinzona ergeben, bei Umweg via Splügenpass 2h extra, also 08:02 Uhr ab Bellinzona.

In Splügen kamen mir zwei Besoffene aus einer Beiz entgegen. Sonst menschenleer und relativ dunkel. Die bisherigen geschätzten Zeiten hatten gut gepasst, ich war warmgefahren, also links hinauf Richtung Splügenpass.

Nach anderthalb Stunden war ich dort oben, also kurz vor 02 Uhr nachts. Der Pass war gesperrt, am Zoll kurz vor der Passhöhe bin ich einfach durchgefahren, die Schranke war oben und das Fussgänger-Verboten-Schild hab ich ignoriert. Für motorisierte Fahrzeuge war sowieso baulich verbarrikadiert worden, wohingegen ich einfach um die Barriere herumgehen konnte. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich mich nach Italien absetzen können. Aber wer will schon nach Italien?

Nach kurzem Tenuewechsel (die Temperatur war ungefähr auf dem Gefrierpunkt, bei Eisflächen bei der Auffahrt hätte ich kehrtgemacht) ging es schnell wieder abwärts.

Durchfroren kam ich wieder in Splügen an und fand ein WC am Parkplatz Flütsch — mit Handwärmer, der mir während einer halben Stunde sehr gute Dienste leistete. Trotzdem ging es durchfroren weiter, aber bald wieder aufwärts Richtung San Bernardino. Ungefähr um 02 Uhr nachts ist alles echt schwierig; das Wachbleiben, die Temperaturregelung, die Sicht sowieso. Die meiste Zeit der Aufstiege bin ich bequem ohne Licht gefahren, manchmal musste ich es nur anschalten, um mich selbst wachzuhalten. Ab und zu raschelte es mal im Gebüsch neben der Strasse, Augen funkelten im Standlicht des Scheinwerfers, oder es stand auch mal ein Reh auf der Spur. Gegen 04 Uhr begann schon die Morgendämmerung, ab da wurde es wieder einfacher. Die ersten Bergspitzen waren schon früh hell erleuchtet (Schnee) und gegen 05 Uhr war ich oben auf der Passhöhe San Bernardino.

Wieder die Bekleidung gewechselt, kurz verweilt, geprüft, in welche Richtung das Wasser fliesst (Europäische Hauptwasserscheide mal wieder). Zeitlich hat alles gepasst, 50km lagen noch vor mir, was mit den negativen Höhenmetern dazu für eine bequeme Ankunftszeit vor dem 08:02-Uhr-Zug reichen sollte.

Der Zug war obendrein noch der “neue” Stadler-Giruno. Schöner Zug, aber nur vier Velostellplätze bei 11 Wagen? Zumal man ohne Raumverlust locker vier Hängeplätze statt zwei Stellplätze pro Zugseite hätte unterbringen können. Da man ja eh reservieren muss, sieht man ja vorher, ob noch Plätze sind. Dass die auch noch vier Wagen von der ersten Klasse entfernt sind, ist ein Luxusproblem — der Zug war am 27.05. 08:02 Uhr eh fast leer. Umstieg in Rotkreuz und Zürich, 10:55 in Wil. 11:15 im Bett.

Epilog: Glocken mitgezählt (4x hoch = volle Stunde, 1x tief = 13 Uhr?), mich geärgert, dass ich so kurz geschlafen hatte, kurz aufgestanden und mich gewundert, dass es stockfinster war. Ah. 01 Uhr nachts 😀 13h am Stück geschlafen. Hab dann doch noch um fünf Stunden verlängert, Mittwoch hatte ich einen offiziellen Ferientag im System eingebucht 🙂

Chur-(Albula)-(Maloja)-(Bernina)-Samedan

Tag 1

Tourstart war am 20.05. um 04:30 Uhr in Wil, erster Zug nach Chur um 04:56 Uhr, weiterschlafen bis Altstätten mit GA und Swisspass auf dem Tisch. In Chur gab’s erstmal Kaffee. Danach ging es quasi aufwärm- und einrollfrei los, nach 750m begann die Steigung Richtung Lenzerheide. Warum ich diese zusätzlichen 900hm (bzw. 600hm netto) eingebaut hatte, anstatt über Reichenau und Thusis zu fahren, ist im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbar. Lenzerheide kenne ich nur als Skigebiet ohne Bahnhof, da komme ich wohl eh so schnell nicht mehr hin.

Der allererste Zug… Ganz schön früh.

Kurz vor Lenzerheide war ich im Spar noch volltanken. Ich fand schon in Deutschland, dass SPAR ein als Imperativ verkleideter Euphemismus ist. Aber hey, ein Wurst-Käse-Salat zum halben Preis, davon hätte ich noch zwei mehr genommen.

Es ging wieder runter bis nach Filisur (von 1500 auf 900m), Brienz gibt es auch in GR.

Brienz/Brinzauls

Im Tal kam irgendwo noch ein Golfplatz rechterhand vorbei. Drei Leute spielten, einer war grad am Abschlag. Hier hätte ich mir wirklich eine airzound gewünscht, Einsatz grad wenn er zum Schlag ausholt 🙂 Hinter Bergün/Bravuogn begann der Aufstieg zur Passhöhe, anfangs häufiger mit der Rhätischen Bahn als Begleitung, bevor diese dann hinter Preda im Albulatunnel verschwand. Die Tunnelbaustellensteinmurmelbahn dort kenne ich schon zur Genüge, aber nur von der Gleisseite, nicht von der Strassenseite.

Unterwegs war sonst nicht viel, keine Galerien, keine Tunnels, später wurde es steinig, nachdem die Vegetation so ab 2000m stark nachliess. Gegen 14:45 Uhr war ich oben, perfekt zur Kaffeezeit. Menschenarm, wie gewünscht, aber das Ospizio war bedient! Also Kaffee und Nusstorte bestellt. Später kam noch jemand dazu und hat mich kurz zu meiner Strecke befragt, konnte mir direkt auch sagen, wieviel Höhenmeter ich da etwa gemacht hätte.

Die steinige Landschaft oben hat mich an Island erinnert.

Könnte auch Island sein.

Die Abfahrt ins Engadin ging natürlich schnell. Die Bremsen haben bisher keine Probleme mit der Gesamtmasse und scheinen standfest zu sein. Es wurde wärmer und bunter. Und sonnig (natürlich, im Engadin scheint immer die Sonne).

Der harte Teil des Tages war geschafft, jetzt kam noch die Kür bis zum Malojapass, der “hinten” runterführt nach Chiavenna/IT. Weil ich genügend Zeit hatte, bin ich ganz gemütlich durch Samedan, St. Moritz und die anderen Dörfer da gefahren. Pause gemacht in Samedan Plaz und, nun ja, mit der Streetmachine ging das nicht, aber die Speedmachine ist ja deutlich tiefer:

Ähm, man kommt so auf Ideen, wenn man tiefer liegt 😀

Mit etwas Übung und besserem Augenmass geht das dann auch noch viel flotter unter der Schranke durch. Die vorhandenen Zuschauer haben auch so schon belustigt zugeschaut.

Der Verkehr war später dann nervig, weil sehr viele Frontalieri (it. Grenzgänger) in dieselbe Richtung unterwegs waren. Witzigerweise natürlich alle in langen Autokolonnen, in denen jedes Auto nur mit einer Person besetzt war. Dafür gab es neben mir wieder Munggä am Weg. Vorbei am Hotel Cristallina am Lej da Segl (=Silsersee) bis zum Maloja und später wieder zurück zum Hotel.

Grad das hintere Ende vom Silsersee hat mich total an Norwegen erinnert. Ist halt Süsswasser und kein Fjord, und wir sind auf 1800m Höhe, aber sonst sehr ähnlich. Am Hotel: einchecken (gebucht einen Tag vorher), es der Liege bequem machen, duschen, essen gehn. Die Pizzoccheri waren grad richtig — generell ist ja die Engadinerdiät so voll meine, da alles sehr kalorienhaltig. Die Portion hätte etwas grösser sein dürfen — aber eine doppelte hätte nicht mal ich heute geschafft ohne Beschwerden hinterher, und das will was heissen. Die Corona-Essabteile im Restaurant fand ich super! Man ist quasi wie im Cubicle für sich allein beim Essen, total unbeobachtet, kann die NZZ lesen und dem allgegenwärtigen Italienisch zuhören.

Tag 2

Die Nacht war geruhsam, 05:30 Uhr mit Magenknurren aufgewacht, Frühstück aber erst ab 07 Uhr. Also bin ich kurz zum See runter, um die Füsse reinzuhalten.

Pünktlich 07 Uhr war ich zum Frühstück, hatte vorher schon alles gepackt, so dass ich 07:35 Uhr gleich abfahren konnte.

Von 1800hm auf 1700hm runter und dann wieder rauf auf gut 2300m bis zum Berninapass, das war der Plan. Danach runter bis zum Abzweig zur Forcola di Livigno und mal schauen (war ja gesperrt). Der Berninapass von Norden her ist ja gefühlt total flach, 3-4% Steigung, nur kurze Abschnitte mal steiler, kaum Serpentinen, die Bahn fährt meist parallel mit. Die Bahnhöfe kannte ich alle schon 🙂 Kurz nach 10 Uhr war ich schon oben.

Immer wieder schön auch der Lago Bianco, da war ich ja schon häufig genug. Was mich schon etwas beunruhigte, war, dass ich immer nur zwei aneinandergehängte RhB-Triebwagen gesehen hatte — bisschen wenig, wenn es da mit Velo voll werden sollte und da ich eigentlich ja bis Poschiavo hinunter und von dort wieder heimfahren wollte.

Erstmal bin ich aber wie geplant auf der Südseite vom Bernina wieder runtergefahren bis zum Abzweig nach Livigno. Dort war tatsächlich die Zollstation direkt unten (und nicht auf der Passhöhe) und alles verbarrikadiert und mit Kameras verdongelt. Da war mir das Risiko dann doch zu hoch, dass mich der Grenzschutz holen kommt. Wenn jemand da gewesen wäre, hätte ich mich kurz abgemeldet und hoch und heilig versprochen, wieder runterzukommen 😉 Statt jetzt aber nach Poschiavo hinunterzufahren und dort zu riskieren, dass ich nicht in den Zug komme, habe ich mich andersrum entschieden. Also bin ich die 300 Höhenmeter zum Bernina wieder retour geklettert, dabei gab’s wieder Marmota Marmota in Massen zu sehen und zu hören.

Beim Lukmanierpass war mir das noch viel stärker aufgefallen, dass die Vegetation und der Charakter der Landschaft nach der Passhöhe sprunghaft ändern. Beim Bernina ist das aber auch sehr deutlich gewesen, noch durch den Wind auf der Nordseite verstärkt.

Wie erwartet nahm auch der Verkehr stetig zu, es gab inzwischen sehr viele kantonsfremde Kontrollschilder, es wurde mir zu laut und zu voll. Die Abfahrt auf bekannter Strecke bis Samedan ging fix vonstatten. Bei der kargen Landschaft hätte es vom Fahrgefühl her auch in Neuseeland oder Tasmanien sein können (jeweils weiter oben in den Bergen).

13:16 Uhr konnte ich bequem die Fortbewegungsart auf meterspurig wechseln, bin quasi die gleiche Strecke mit dem Zug wieder retour gefahren und war 17 Uhr wieder in Wil. Mit den FV-Dostos (siehe erstes Foto) haben sie jetzt an diesen Ausflugstagen mit dem (sogenannten) schönen Wetter schon Kapazitätsprobleme mit Velos, was auch in der App angezeigt wird. Die Velostellplätze über den ganzen Zug mit zwei Plätzen pro Wagen zu verteilen ist bei punktuell sehr hoher Nachfrage halt unpraktisch. Wieder so Probleme, die nur entstehen, weil viele Leute gleichzeitig dasselbe machen wollen.

Diese zwei Tage bin ich mit meinem schon lange vorhandenen Gehörschutz gefahren — sehr angenehm, sowohl was Wind als auch insbesondere den Lärm anderer Fahrzeuge angeht.

Hier noch die vollständige Galerie: