Free-Floating E-Bike-Sharing

Tolle Anglizismen im Betreff: es geht um ein Verleihsystem für schnelle Elektroräder (mit Kennzeichen, Helm- und Versicherungspflicht), das keine fixen Stationen hat, in Zürich, betrieben von der Mobiliar. Die Velos haben GPS und Mobilfunk, können jederzeit geortet werden und sind damit eben überall in Selbstbedienung ausleihbar, wenn sie nicht grad jemand anders hat. Unter diesem Link (smide.ch) soll das System ab nächster Woche Donnerstag laufen, in Zürich mit 200 verfügbaren Rädern.

Gestern waren Probefahrten und ein paar Mobiliar-Leute, mich eingeschlossen, haben den normalen Benutzer simuliert, der irgendwo ein Rad nimmt, ein paar Meter fährt und es irgendwo anders wieder abstellt. Gesteuert wird das alles vom Benutzer selbst über die App, d.h. ich sehe auf einer Karte, wo Räder stehen, kann direkt eins buchen, es dann nehmen und losfahren, bei Bedarf auch irgendwo stoppen, einen Kaffee trinken gehen, dabei das Rad für andere Benutzer sperren und es am Ende irgendwo wieder hinstellen und die Buchung beenden. Dahinter steckt jede Menge Technik und es fallen jede Menge Daten an, die ich vielleicht irgendwann zum Auswerten bekomme.

So kann das in der App aussehen.
So kann das in der App aussehen.

So ungefähr sehen die Velos aus, Stromer ST2, Masse 28kg, hintendrauf ein Korb (so dass ich keine Ortlieb-Taschen anhängen kann), Kettenschaltung (igitt), Motor im Hinterrad, schnell verstellbarer Sattel, Rückspiegel und einstellbare Unterstützung (von 0 bis 3).

Die smide-E-Bikes gibt's in schwarz und weiss. Schweizerpostgelb hätte vielleicht zu Verwechslungen oder Ärger mit der Post geführt.
Die smide-E-Bikes gibt’s in schwarz und weiss. Schweizerpostgelb hätte vielleicht zu Verwechslungen oder Ärger mit der Post geführt.

Ich war vorher noch nie mit Energieunterstützung gefahren (ausser Rückenwind, bergab und an LKWs drangehängt), von daher war das erste Losfahren ganz witzig, weil plötzlich beim Treten der Schub einsetzte. Später habe ich auch auf die höchste Unterstützungsstufe gewechselt und am Sihlquai kam ich auf dem alten Arbeitsweg vom Bahnhof zum Limmatplatz mit meinen eigenen 300-400 Watt kurzzeitig auf deutlich mehr als 55km/h. Zum Mitschwimmen im Verkehr ist das okay, gerade bei hügeligen Gegenden wie in Zürich. Ich darf nur nicht genauer drüber nachdenken, weil mir dann extrem viele ABERs einfallen:

Die Räder haben Breitreifen, Tramschienen sind problemlos überfahrbar, aber wenn ich schnell fahren möchte, geht das in Zürich nur auf der Strasse. Ich werde sicher nicht mit 50km/h auf dem Veloweg fahren. Von daher ist der Geschwindigkeitsvorteil innerstädtisch dahin.

Ein gültiger Fahrtgrund ist Bequemlichkeit (aber ich kann nebenbei nun wirklich kein Smartphone bedienen, im Tram/Bus/Zug schon).

Wenn ich wiederum auf der Strasse fahre, stehe ich genauso im Stau wie die anderen Verkehrsteilnehmer, solange ich mich an die Regeln halte (gilt für Velowege auch, aber wenn die abseits der Strassen geführt werden, haben sie häufig weniger Ampeln). Die Lenker sind recht breit, erst recht mit Seitenspiegel, man kommt nicht mehr überall durch wie sonst.

Wenn die Velos zur Verlagerung von Autofahrten aufs E-Bike führen würden, wäre das okay und sinnvoll, weil viel weniger nutzlose Masse durch die Gegend gefahren würde, um den eigenen Hintern von A nach B zu bringen. Das würde auf Autopendler abzielen, nur kommt dann eine regelmässige Miete sicherlich teurer, als sich selbst so ein Rad zu kaufen. Für Pendler muss auch ein Rad garantiert verfügbar sein, wenn sie auf dem Arbeitsweg sind. Für Touristen und ähnliche Ausflügler gibt’s sowieso den Verleih von Züri rollt mit fixen Stationen und Gratis-Rädern. E-Bikes haben sie auch, die kosten 20 Fr. am Tag. Möglicherweise wird auf Spassfahrer abgezielt, die dann einfach noch zusätzlichen Verkehr produzieren, das ist dann wiederum fragwürdig bei vollen Strassen.

Die Reichweite ist bei mindestens 50km angegeben, 100km sollten auch zu schaffen sein. Da wird dann die Preissetzung ganz entscheidend sein: Kilometerpreis? Stundenpreis? Beides? Langfristige Mieten? Gratis-15-Minuten am Anfang? Inklusivkilometer? Sind Schweizer bzw. die Untergruppe der potenziellen Mieter überhaupt preissensitiv? Das sind ähnliche Fragen, wie sie sich sharoo (privates Car-Sharing) und jeder andere Anbieter von Mobilitäts-Dienstleistungen auch stellen dürfte.

Was passiert im Winter? Oder schon bei Regen? Ich fahre auch bei -10°C und mit ein bisschen Schnee auf der Strasse, aber die Stromer2-E-Bikes und auch die Flotte von Züri rollt sind ausserhalb der Saison nicht verfügbar. Sind die Räder dann allenfalls ein Schönwetter-Ersatz fürs Auto? Oder wird der ÖV bei Schönwetter leerer und dafür bei Schlechtwetter noch voller, weil sich alle dran gewöhnt haben, im Sommer dank E-Bikes noch grössere Entfernungen zurückzulegen?

Ein richtiges und ein falsches Velo (v.l.n.r.).
Ein richtiges und ein falsches Velo (v.l.n.r.).

Die vielen technischen Schwierigkeiten, die jetzt noch vorhanden sind, sind alle behebbar, aber die grundlegenden Fragen bleiben für mich bestehen. Vielleicht bin ich auch einfach zu skeptisch, weil ich selbst nicht in der Zielgruppe bin, wie so häufig. Für mich bleiben die Nachteile der begrenzten Reichweite, der potenziell hohen Mietkosten bei regelmässiger Nutzung, der möglichen Nichtverfügbarkeit und der absolut nervigen Kettenschaltung, bei der ich nicht im Stand schalten kann wie gewohnt. Dank E-Antrieb kann man auch in hohen Gängen anfahren, aber schon das Geräusch des Kettenwürgens mag ich nicht haben. Ich muss auch zugeben, dass ich nach dem Rück-Umstieg auf mein eigenes Velo ganz kurzzeitig den aufkommenden Schub beim In-die-Pedale-Treten vermisst habe. Trotzdem hab ich keine Lust, jedesmal ein Rad erst anpassen zu müssen und es ist dann doch nicht perfekt abgestimmt wie mein eigenes.

Rein technisch ist die ganze Aktion aber hochinteressant, z.B. die Frage, wo die Räder stehen müssen, um möglichst hohe Verfügbarkeit sicherzustellen (z.B. es ist immer ein Briefkasten Rad innerhalb von 300m Umkreis zu finden) oder auch die vielen Miet- und eventuell GPS-Daten, die anfallen. Bei genügend hoher Rad-Dichte kann man damit noch viel mehr anstellen und Ergebnisse aus der Analyse dieser Daten sicher sogar verkaufen. Ich hätte ja noch ein paar andere Umgebungssensoren in die Räder eingebaut (Temperatur, Luftdruck, Luftfeuchte, so wie hier, kostet ja fast nichts), dann hätte man mobile Wetterstationen gehabt und vielleicht noch Informationen zur Verkehrslage. Das ist so wie der Geheimdienst, erstmal Daten auf Vorrat sammeln, man weiss nie, wozu man sie später gebrauchen kann.

Für Fragen gibt’s die Smide-FAQ. Schwedische Besucher dürften sich über den komischen Namen wundern, weil es auf Schwedisch Schmiede bedeutet. Aber die sind vielleicht auch nicht die Zielgruppe. Daten werden gespeichert (Abschnitt c), aber nicht für personalisierte Auswertungen verwendet.

Jetzt wird das erstmal gestartet und dann schaun wir mal, was rauskommt 🙂

09.09.2016, 13:30 Uhr, Ergänzung 1: die Räder werden durch ein Flottenmanagement bewirtschaftet, das sich um die technische Wartung und natürlich auch um die Ladung (bzw. den Tausch) der Akkus kümmert. Sie sammeln auch Räder ein, werden sie bei Bedarf umpositionieren und gehen sie im Zweifelsfall auch suchen. Im Moment kann man nur in einem bestimmten Teil des Stadtgebiets (Geofence) ausleihen und zurückgeben, man kann aber problemlos ausserhalb fahren und innerhalb eben irgendwo wieder abstellen.

09.09.2016, 15:12 Uhr, Ergänzung 2: man sollte solche Überlegungen nicht im Reiserad-Forum posten, sonst rechnen die Leute da schnell was durch. Ergänzung 1 ist auch dort erfragt worden.

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