Steckerstandard

Über Einwandererfeindlichkeit kann ich mich überhaupt nicht beklagen, ganz im Gegenteil. Mit so kleinen Details im Supermarkt wie dem abgebildeten anschraubbaren Stecker für eingeführte Elektrogeräte wird aber die Integration auch sehr einfach gemacht, gesetzt den Fall, man kann ein Sackmesser bedienen. Darüberhinaus ist der Stecker sowieso wieder “made in Germany”, das verfolgt mich irgendwie.

Gestern abend stand ausserdem auch der Billag-Mann vor meiner Tür. Das ist die hiesige GEZ, also der Apparat, der die Rundfunkgebühren kassiert. Er begehrte Einlass, den ich ihm gewährte, einfach weil ich sowieso mit ihm gerechnet hatte und die Gebühren auch budgetiert habe. Eigentlich hätte ich mich wohl selbständig anmelden müssen, aber ich habe ihn einfach mit “ach, na endlich, ich hab schon auf Sie gewartet!” begrüsst und mich dann noch ganz gut mit ihm unterhalten. Da ich wohl auch den Eindruck gemacht habe, dass ich sein Schweizerdeutsch verstehe, hat er auch gar nicht weiter nachgefragt, ob er Hochdeutsch sprechen soll. Das Beste war aus meiner Sicht, dass er die Gebühr oder den Beitrag (wird hier auch wie in .de auf Haushaltsbeitrag umgestellt) ganz klar als “Steuer” bezeichnet hat, was sie ja auch de facto ist. Allerdings habe ich hier im Vergleich mit Deutschland viel weniger den Eindruck, dass es tatsächlich eine Art Propagandasteuer ist. Und für Filme im Originalton zahle ich auch gerne, egal ob im TV oder im Kino. Meine Medien-Rundumversorgung, bestehend aus Kabel, Internet, NZZ, Billag und Natel kommt damit auf etwa 160 CHF im Monat.

Konzertwochenende und Wahlsonntag


Nachdem sich im Laufe der letzten Woche herausgestellt hatte, dass ich für Freitag noch eine Karte für die Vorstellung (inkl. Apéro) von Chili con Cello in Häggenschwil bekommen könnte, waren wir am Freitagabend tatsächlich als geschlossene 6er-Cellogruppe plus Partner und Versprengte anderer Streichergruppen des Orchesters dort. Das ganze Dorf war schon auf den Beinen, um die zahlreich anfahrenden Gäste parkplatzmässig einzuweisen. Erst gab’s leckeres Drei-Gänge-Abendessen, danach startete dann die zweiteilige Vorstellung, die sich wirklich lohnt. Es gab viel zu lachen, eingängige Musik, schöne Darstellung und es gibt eh nichts Besseres als fünf Celli auf der Bühne. Obwohl, doch, 12 Celli, aber die kann man nicht vergleichen. Als nächstes müsste ich jetzt rein theoretisch zu Apocalyptica, aber da weiss ich auch schon, dass es mir (zumindest auf den CDs) nach ein paar Liedern reicht. Kann sein, dass die live anders sind, aber das bleibt herauszufinden.

Am Samstag war abends ein weiteres Konzert in der Tonhalle Wil, wo zusammen mit dem Collegium Musicum Ostschweiz jungen Musikern die Möglichkeit gegeben wird, solistisch tätig zu werden. Der Höhepunkt war ganz klar Max Bruchs Kol Nidrei, umrahmt von zwei Bläserwerken, wiederum umrahmt von zwei von Mozarts Divertimenti.

Gestern folgte dann einer der zahlreichen Wahlsonntage, also die Eidgenössische Abstimmung. Einige Initiativen, die im Vorfeld von allen Seiten beleuchtet wurden, wurden an der Wahlurne bestätigt oder bachab geschickt, Details gibt’s natürlich bei der NZZ. Die Exponenten der Parteien haben sich in den Diskussionen zumindest deutlich weniger beharkt als das in Deutschland wohl der Fall gewesen wäre.

Das neue Tatort-Team lässt sich auch ganz gut an, aber in den letzten Wochen war doch der Höhepunkt die Szene, in der Borowski seinen Passat erschiesst: http://ottensmann.blogspot.ch/2012/09/nur-pferden-gibt-man-den-gnadenschuss.html.

Gegendarstellung

Wie zum Hohn stand gestern abend ein Tiefkühlkostlieferwagen vor der Tür und wer den Zusammenhang mit dem gestrigen Beitrag erkennt, möge sich glücklich schätzen. Ich wette, das Fahrzeug wurde aus Deutschland importiert, komplett mit der Beschriftung.

Und dass ich nach etwa 15 Jahren mal wieder Trio-Ragtimes spielen würde, in einer Besetzung für sechs Celli, das hätte ich auch nicht gedacht. Aber was man halt so in den Registerproben macht neben den offiziell zu probierenden und auch tatsächlich geprobten Werken… Ein paar andere Trios gab’s auch noch.

Lettre d’adieu

Geliebte, es war schön mit Dir. Über lange Jahre hast Du mich begleitet, wir sind miteinander durch dick und dünn gegangen und ich halte Dir auch noch eine Weile die Treue, wenn ich Dich im Portemonnaie mit mir herumtrage. Ich habe Dich immer gegen jedwede Art von Angriff verteidigt und in Schutz genommen und Dich auch ein bisschen am Leben erhalten, weil ich nicht von Dir lassen konnte. Deine Kurven und Rundungen habe ich immer geliebt, auch wenn das häufig zu Verwechslungen und Irritationen bei anderen Leuten geführt hat, wenn sie Dich, insbesondere im Ausland, nicht lesen konnten. Dir zuliebe habe ich sogar die FAZ abbestellt, einfach um ein Zeichen zu setzen, dass Du mir wichtig bist. Aber es hat alles nichts genutzt, nun trennen wir uns doch. Noch vor einem halben Jahr hätte ich nicht gedacht, dass es einmal so weit kommen und auch ich die Trennung wollen würde, für die von ausserhalb bereits eine Weile alle Weichen gestellt und alle Entwicklungen aufgegleist sind. Aber jetzt ist es tatsächlich so weit und ich verabschiede mich hochachtungsvoll von Dir. Ich werde Dich immer in guter Erinnerung behalten, geliebte Letter ß.

Winti-Tour

Der Samstag klang mit dem KultDay im Nachbardorf Oberuzwil aus, Beginn war gegen 17 Uhr und Ende irgendwann, als ich schon nicht mehr da war. Am besten fand ich Rough (AC/DC-ähnlich) und Drops, wobei die anderen natürlich auch nicht übel waren. Zwischendurch bin ich in den Umbaupausen auch noch ein paar Runden mit dem Rad gefahren, weil es abends doch empfindlich kühl wurde. Bis etwa 21 Uhr waren sogar noch ziemlich viele kleine Kinder mit und standen direkt vor der Bühne — aber vom Veranstalter wurden an der Bar Ohrstöpsel bereitgestellt, die ich dann auch bei sehr vielen Erwachsenen später gesehen habe. Es wurde sogar von der Bühne aus drauf hingewiesen, kein schlechter Zug.

Ein halb spontaner Entschluß war dann, heute nach Winterthur zu fahren. Nach Auflösung des Morgennebels ging es vorbei an Milchkuhweiden, saftig-grünen Wiesen und über viele Bäche, Bahnlinien und Straßen hinweg. Die Strecke verlief erstaunlich flach, war wie gewohnt sehr gut ausgeschildert und führte mich nach etwa 40km direkt ins Zentrum von Winterthur. Das hatte ich bei meinen Bewerbungsreisen Anfang Jahr nur flüchtig anschauen können, also nahm ich mir die Zeit, die Altstadt genauer unter die Lupe zu nehmen (Details siehe Fotos). Eigentlich hatte ich mir noch das Swiss Science Center Technorama vorgenommen, aber dafür wollte ich lieber mehr Zeit haben. Recht spontan stand ich gegen 13 Uhr auf dem Kirchplatz, vor mir die Kirche, hinter mir das Gewerbemuseum, was auch sehr interessant aussah. Also habe ich mir darin die beiden aktuellen Ausstellungen zu den Themen Oh, Plastiksack! und Heimliche Helden. Das Genie alltäglicher Dinge. angeschaut. Bei letzterer gab es so Dinge wie Reißverschlüsse, Gewebeband, Büroklammern, Kleiderbügel und Post-It-Notizen zu sehen. Nach einer weiteren Runde durch die Altstadt zog mich der Bahnhof an, ich löste die Billetts und verschwand wieder per SBB Richtung Uzwil. Aber ich komme wieder, versprochen, bei den vielen Museen, die es noch gibt, da braucht’s doch Zürich nicht, Winterthur ist viel schöner. Wenn letzteres einen like-Button hätte, würde ich draufdrücken. Aber mangels Gesichtsbuch-Mitgliedschaft könnte ich das wohl eh nicht 🙂

Und hier noch die Strecke: http://www.gpsies.com/map.do?fileId=chbekxdyxasyypuv. Ab etwa halber Strecke war ich im Tösstal und ab da ging’s nur noch abwärts. Außerdem hat der Tracker mal wieder erst ab Schwarzenbach vernünftig geloggt, so wie’s aussieht.

Rösti ohne Graben

Zu Rösti schreibe ich nicht viel. Ein bißchen besser kriege ich die noch hin, aber das war auch immerhin erst der zweite Versuch. Was man nicht alles aus Kartoffeln für leckere Sachen machen kann … Das daneben ist a) ein mißratenes Spiegelei und b) Pastetenfüllmasse, mit Gemüse verbessert. b) mache ich wohl das nächste Mal lieber auch komplett selbst, da weiß ich dann wenigstens, was drin ist.

Neuzuzügerbegrüssung

Gestern abend gab’s für alle seit der letzten Begrüßung Zugezogenen die sogenannte Neuzuzügerbegrüssung, die auch generell in Schweizer Gemeinden üblich ist. Das Programm dauerte von 18:30 bis 22:40, trotz anderslautenden exakten Zeitangaben auf der Einladung. Unser Gemeindepräsident Lucas Keel, der auch immer sehr schöne News schreibt, führte durch das Programm. Eine aktuelle News ist zum Beispiel über die finanzielle Situation der Gemeinde, was deutlich aufschlußreicher ist als das ständige Gejammere von Magdeburgs Lutz Trümper gegen das Land und den Bund, wobei es dort sowieso immer nur darum ging, wer nun mehr Schulden machen muß.

Sportvereine, Mitwirkungsmöglichkeiten, die drei Kirchgemeinden, die Bildungslandschaft und andere Dinge wurden vorgestellt, also wirklich ein Rundumschlag und natürlich kam auch Bühler nicht zu kurz. Insgesamt waren vielleicht 100 Leute da, bunt gemischte Sitzordnung mit Gemeinde- und Vereinsvertretern und Neuzuzügern. Ich war zufälligerweise den ganzen Abend mit den beiden Vertretern der evangelisch-methodistischen Kirche zugange und hab mich sehr gut mit den beiden über Gott und die Welt Schweiz unterhalten. Ich merke schon, wie ich hier Wurzeln schlage und sich langsam die Begriffe Heimat und Ausland umzukehren beginnen. Warum? Zig Gründe. Aber genauso fehlt mir auf die Frage Warum nicht? eine Antwort.

Nachdem sich die drei Kirchgemeindevertreter powerpoint-klickibuntimäßig vorgestellt hatten, kam dann von Lucas Keel noch der sehr passende Kommentar, daß sich diese drei verschiedenen Kirchen noch vor nicht allzu langer Zeit gegenseitig die Köpfe eingeschlagen haben. Es gibt ja andere Religionen, die das immer noch tun.

Noch ein Nachtrag: hier eine Pressemeldung von infowilplus.ch zur Neuzuzügerbegrüssung.

Feuermelder

Da gehe ich jeden Tag an dem Feuermelder vorbei, aber habe noch nie bewußt wahrgenommen, was auf dem Schild darunter steht. Wenn mir also die Kündigungsfristen irgendwann mal zu lang sein sollten, gibt’s eine schnelle Abkürzung. Es sieht aber ganz und gar nicht danach aus, daß ich das überhaupt mal brauchen könnte 🙂

Schatzsuche am Sonntagmorgen

Schon wieder auf dem Rückweg vom Cache.
Während hier im Dorf noch alles schlief, machte ich mich spontanerweise auf, den neu rausgekommenen Geocache “Klothilde” aufzusuchen. Dazu etwas Hintergrund: durch die beiden Dörfer Oberuzwil und Niederuzwil, zwischen denen Uzwil liegt, fließt die Uze, ein eigentlich recht kleiner Bach. Allerdings, wie das so ist, können auch kleine Bäche mal zu reißenden Strömen werden, und das ist hier 1970 passiert. Dazu gibt’s bei der Gemeinde Uzwil eine kleine Fotogalerie mit Erklärungen. Bühler ist damals auch ziemlich abgesoffen, weil die Uze normalerweise direkt durchs Areal fließt. Wenn mich nicht alles täuscht, wurde als Gegenmaßnahme ein Entlastungsstollen gebohrt. Ich war zwar nicht in diesem Stollen, aber in einer ziemlich langen Uze-Unterführung, die momentan Niedrigwasser führt. Meinen Kommentar dazu gibt’s hier als Geocaching-Logeintrag. Insbesondere der ziemlich lange Kriechgang führt doch bei wiederholtem Ausführen zu straffen Oberschenkeln, aber vielleicht auch zu kaputten Kniegelenken. Auf dem Rückweg bin ich noch über den Friedhof spaziert, die Kirchglocken läuteten und die Menschen strömten in die Kirche. Ansonsten war’s wirklich unheimlich ruhig und schön.

Elder Statesmen

Zwei sehenswerte Videos zweier sehenswerter älterer Politiker gibt’s heute. Der eine ist im Begriff, ein sogenannter elder statesman zu werden: der ehemalige Präsident Bill Clinton. Auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten hat er eine ganz gute Revue abgeliefert, die natürlich perfekt inszeniert und rhetorisch prima aufgebaut war. Er war mir ja schon zu Amtszeiten sympathisch, aber bei einigen seiner Redehöhepunkte und der dazu passenden Stimmung gab’s durchaus mal Gänsehaut. Inhaltlich war es eigentlich nichts Neues: die Republikaner sind schlecht, wir sind gut. Vom europäischen Standpunkt her versteht sowieso kaum jemand, wie man überhaupt die Republikaner wählen kann und ich mag sie auch nicht. Drei Punkte, die die Demokraten unter Obama veranstaltet haben, finde ich persönlich nicht begrüßenswert: a) die Rettung der Autoindustrie, b) der derzeitige Erdgasboom in den USA durch sogenanntes Fracking und c) die wenigen Investitionen in erneuerbare Energien. b) und c) wurden von Clinton schön verpackt dargestellt, nämlich daß die USA durch die Erdgasförderung die Abhängigkeit vom Ausland reduzieren und daß sich die erneuerbaren Energien in Obamas Amtszeit verdoppelt haben. Bei der Erdgas- und unkonventionellen Ölförderung erreichen die erschlossenen Quellen noch viel schneller das Fördermaximum, um danach abzufallen, und die Nebeneffekte der in den Boden geleiteten Chemikalien sind ganz sicher nicht vernachlässigbar. Das schiebt also nur die nächste Energiekrise etwas hinaus und ist nicht nachhaltig. Und bei den erneuerbaren Energien ist es zwar toll, daß die sich verdoppelt haben, aber wenn man nur bei einem sehr niedrigen Niveau anfängt, ist das auch kein Wunder. Das ganze Video gibt’s hier: http://www.youtube.com/watch?v=uzDhk3BHi6Q. Wie gesagt, die Stimmung ist schon beeindruckend, aber wenn man nur (vermutlich ausgesuchte) Befürworter in der Halle hat, ist das wie bei jedem beliebigen Parteitag, egal welcher Couleur.

Das zweite Video, aus deutscher Sicht vielleicht noch interessanter, stammt von einem Hallenser, der 1952 in die Bundesrepublik gegangen ist, dem man aber seine Herkunft sehr schön anhört. Er ist schon (so wie Helmut Schmidt) ein elder statesman. In dem Interview spricht er über seine Erfahrungen als Außenminister und gerade über die aktuelle Krise und Europa im Allgemeinen. Erstmal war mir gar nicht bewußt, daß er ja irgendwann mal in den Westen gegangen sein mußte und wenn er mich als Kind in den Fernsehnachrichten begleitet hat, hatte mich das sowieso weniger interessiert. Und dann ist mir auch nicht klar gewesen, daß er tatsächlich 18 Jahre lang Außenminister war. Das Interview, das die NZZ mit ihm in ihrer (anscheinend monatlichen) Sendung Standpunkte abliefert, ist jedenfalls sehr interessant und wirklich sehenswert, aber im Gegensatz zu Clinton ohne Publikum und daher weniger stimmungsgeladen. Bei der NZZ gibt’s noch mehr davon unter nzz.ch/standpunkte, ansonsten habe ich es auch auf youtube hochgeladen: youtube.com/watch?v=DT_RB2ScJBM. Oh, ja, es geht um Hans-Dietrich Genscher 🙂 Sein bester Spruch ist wohl “Wenn se keine Visionen haben, finden se ‘n Weg nich.” bzw. “Wer nich weiß, wo ‘r hinwill, kommt auch nich an.”

Was die beiden Videos vereint, ist die Aussage “We’re all in this together!” (Clinton) bzw. daß wir alle als Europäer im selben Boot sitzen, wie Genscher sinngemäß meint.